Frühlings Erwachen 16.07.2010
Theatertest „Frühlingserwachen“, Frank Wedekind
„Ein Projekt mit Jugendlichen“ lautet der Untertitel der Inszenierung von Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“. Ehrlicherweise weckte diese Angabe in mir im Vorfeld Skepsis, da ich
jungen Schülerinnen und Schülern wenig schauspielerische Fähigkeiten zutraute. Ich sollte mich aber gewaltig täuschen. Denn wer könnte eine „dramatische Geschichte vom Erwachsenwerden“ besser und authentischer spielen als junge Menschen, die heute wie damals pubertären Sinnkrisen und Verständnislosigkeit der Erwachsenen ausgesetzt sind?
So trete ich also gespannt in den kühlen, kleinen Gewölbekeller ein, wo bereits fünf Jugendliche auf der Bühne liegen, sitzen oder mit dem Rücken zum Publikum stehen.
Es geht los.
Schnelle, laute und pulsierende Musik wird eingespielt. Die konform gekleideten Jugendlichen stürzen sich aufeinander, erinnernd an eine Mischung aus Tanz und einer wilden Rangelei. Die Lichteffekte via Stroboskop stimmen ein auf die folgenden circa achtzig Minuten Tragödie und gesellschaftskritischer Satire.
Ich kannte das Stück Wedekinds im Vorfeld nicht und verfolge daher sofort gespannt das Treiben auf der Bühne. Nur zwei simple Requisiten kommen zum Einsatz. Zum einen ein gelbes Reclam-Heftchen des Stückes, das mit in die Inszenierung eingebunden wird. Zum dient ein großer grüner Stoffrock als Sichtschutz und schafft es vier der Schauspieler schnell mal in einzige Rollen „schlüpfen“ zu lassen.
Meine Befürchtungen einer Schul-Theater-AG beim Text-Herunterbeten zuschauen zu müssen bewahrheitete sich keineswegs. Die Rollen und der Stoff des Stückes forderten eine Menge schauspielerisches Können, das die fünf Jugendlichen ohne Zweifel auf der Bühne ablieferten: Authentizität und Ausdrucksstärke, Vielseitigkeit im ständigen Rollenwechsel – da verzeiht man gerne ein paar zu schnell und undeutlich gesprochene Textpassagen.
Als Zuschauerin der ersten Reihe war ich während der fabelhaft abwechslungsreichen Inszenierung mit sehr stark polarisierenden Gefühlen konfrontiert: Empörung über die Missstände zum einen, über charakterschwache Eltern und Lehrer, die keinerlei Verständnis und Gefühl für ihre Schutzbefohlenen haben und mit Leib und Leben der Kinder fahrlässig umgehen sowie die Hilflosigkeit und Naivität aller Gesellschaftsmitglieder im Schatten von Prüderie und Doppelmoral. Zum anderen schafften es zeitgemäße Einschübe den Faden zur Aktualität nie abreißen zu lassen und mit viel Humor den Ernst der vorherigen Minuten zu mildern.
Alles in allem eine sehr gelungene Inszenierung. Hut ab.


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