Einakter, 20. Mai
Das Karussell zum Mittelpunkt des Menschen
Es ist hell und die Bühne und der Zuschauerraum erleuchtet. Es hängt kein Vorhang. Geht es bereits los? –Pause. Dann kommen die Schauspieler. Nacheinander und mit Abstand – die Elemente des Stückes beginnen sich zu formieren. Und sie werden sich abwechselnd verdichten und mit steigernder Intensität der dramatischen Handlungen immer stärker den Kern des Stückes herausarbeiten und transportieren. Die Inszenierung von Čechovs „Einakter“ ist eine rundum gelungene Leistung des Zimmertheaters: Bühnenbildnerin Christina Wachendorff schafft eine bedeutungspotente Bühne, die Raum bietet für große Handlungsvielfalt und Tiefe; die agile Besetzung durch Nicole Schneider, Hannah Kobitzsch, Endre Holéczy sowie Moritz Peters entfaltet auf dieser Bühne handwerklich gute wie inhaltlich überzeugende dramatische Energie; und Regisseur Robert Arnold kann aufschlussreich dies alles zu einem synthetischen, harmonischen Ganzen verbinden. Einfach erstaunenswert. An einigen Stellen könnte man zwar kritische Fragen in Position bringen, doch dann stets als transformierende Modifikation, nie als negierende Umkehr. Nach dieser allgemeinen Einordnung nun tiefer in den Kern der Aufführung.
Die vier einzelnen Szenen werden durch Übergänge miteinander verwoben, die Čechovs Gesamtwerk entnommen wurden und als Schaltstellen funktionieren. Nicht immer unmittelbar einsichtig schaffen sie es dennoch eine überzeugende Neuausrichtung zwischen den Szenen zu platzieren. Nicht sollte man aber denken, dass das Stück dadurch ein bloß kaleidoskopisches Gerüst erschafft; vielmehr ziehen sich die Überlegungen und Gedankengänge wie ein roter Faden durch die gesamte Aufführung – dramatisch getragen durch die Vehemenz der ersten Szene („Schwanengesang“). Dessen Topos der menschlichen Inszenierung und Figürlichkeit transportiert grundsätzliche Bedeutung für das Stück. Zunächst schon unmittelbar durch das bestimmende Element des Bühnenbildes: ein buntes Karussell als Motiv kindlicher, spielhafter Ursprünglichkeit – bemalt mit HYPERLINK “http://de.wikipedia.org/wiki/Matrjoschka” \o “Matrjoschka” Matrjoschka-Puppen als direktiver Leitwinkel. Man ahnt: Es geht im „Einakter“ um nichts weniger als die Seiten und Fundamente des menschlichen Selbst. Aus verschiedensten Perspektiven wird folgerichtig genau diese Ausrichtung dann vertieft: biographische Retrospektive in kritischer Auslotung („Schwanengesang“), volitionale Antagonismen und Eigensinn („Der Heiratsantrag“), lebensweltlicher Druck und Emotion („Der Bär“) oder schließlich auch Rhetorik und Erkenntnis („Über die Schädlichkeit des Tabaks“). Stets wartet das Stück mit überraschenden Momenten auf. Erfassend spielen die Szenen auf einer breiten Klaviatur der Emotionalität. Und der Zuschauer? –Er steigt tiefer und tiefer in das menschliche Selbst hinein. Während das Karussell sich dreht, während die Szenen eine immer dichtere Atmosphäre weben, wird der dramatische Sog immer stärker. Wie kann so etwas enden? –Die Antwort liegt im Beginn: In ähnlicher Weise wie anfangs entsteigen die Schauspieler der Bühne und entschwinden. Nur zwei bleiben. Schließlich Musik und Licht, die langsam schwächer werden, den Zuschauer freigeben und ihn schließlich vom ziehenden Zirkel der Vertiefung ablösen.
Abschließend sei auf die sehr hilfreiche Werkeinführung hingewiesen, welche den im Stück hervorscheinenden starken Eindruck des Zimmertheaters ebenfalls bestätigt. Eine lohnenswerte Vorbereitung und Einstimmung. Neben diesem einführenden Anstoß, hier nun drei weiterführende Gedanken als Schlussbausteine dieser Rezension: Erstens. Das Stück enthält keine Pause. Ist dies wirklich notwendig? Natürlich bewegt sich die dramatische Handlung verdichtend-zirkulär, wie bereits erwähnt; aber enthält sie nicht auch eine parataktische Grundstruktur in Form der vier Einzel-Szenen? Und könnte dann nicht eine Pause für Zuschauer wie Schauspieler die Fülle des Stückes sogar noch stärker erlebbar machen? Zweitens. Der Anfang erfolgt ohne Dunkelheit und Vorhang. Ein Zusammenschluss, eine Verbindung zwischen Realität und Fiktion wird adressiert. Wie so oft im modernen Theater. Der Bezug funktioniert zwar durch die inhaltliche Ausrichtung des Stückes (artifizielle Figürlichkeit und natürliches Selbst), aber könnte ein traditioneller Anfang nicht auch die Figürlichkeit des Stückes durch entziehende Distanziertheit unterstützen – und dadurch Raum für eigenaktive Annäherung öffnen? Drittens. Der dimmende Schluss (Musik und Licht) fällt gedehnt aus – und erlaubt darum eine langsame Ablösung vom Stück. Doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dadurch eine cineastische Entlehnung in Anschlag gebracht wird: die Blende einer Kamera. Und gerade solch eine technisch-funktionale Anspielung auf Sehgewohnheiten des Films setzt sich dem Realität und Fiktion verschmelzenden Beginn entgegen. Dadurch entsteht ein Eindruck von Künstlichkeit, welcher zwar die figürliche Geschaffenheit im Stück unterstützt, aber die Vertrauensausrichtung des Zuschauers bloßstellt. Drei Ausblicke mit diskursiver Gestaltung – entfesselt durch einen stark erfrischenden „Einakter“ mit spritziger Besetzung und mitreißender Handlung. Eine inspirierende Anregung. Eine große Empfehlung.


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